
Chinesische Medizin im Alltag
"Was bringt uns..." chinesische Medizin für unseren Alltag und welche Relevanz hat dies vor allem für uns Kampfsportler?
Ich möchte hier exemplarisch auf einige Verfahren aus der TCM eingehen. Ich beziehe meine Informationen aus meinem Vorwissen und eigenem Verständnis heraus, also sorry, wenn jemand, der es besser weiß, hier nicht ganz bestätigt wird!
1. Was ist Qi?
Qi oder auch ´Chi´ oder ´Ki` (wie in Ai-ki-Do oder Ki-ai) ist nach asiatischer Vorstellung die in uns pulsierende Lebenskraft, die unsere Existenz konstituiert. Qi fließt wie Wasser (oder Blut) durch unseren Körper und schenkt uns Vitalität und Gesundheit. Das Qi passiert dabei sog. Meridiane, welche die Energieleitbahnen des Körpers darstellen. Ursprünglich fließt das Qi aus dem ´Dan Tien´, dem zentralen Punkt des Körpers ca. 4cm unterhalb des Bauchnabels (wobei man auch von zwei weiteren zentralen Qi-Punkten -auf der Stirn und dem Solar Plexus -ausgeht), durch den wir mit dem Universum verbunden sind. Klingt ein wenig esoterisch? Die Idee dahinter ist, dass Qi eine universelle Kraft ist und in allem Leben vorhanden ist, durch unser Qi sind wir also mit dem ganzen Universum verbunden. Einfacher gesprochen kann Qi als eine Art Wasser (=Lebenskraft) verstanden werden, die (wie Blut) durch Kanäle fließt und ihren Ursprung in einer Art Ventil unterhalb des Bauchnabels hat! Die chinesische Medizin geht in ihrer Heilpraxis davon aus, dass die Entstehung von Krankheiten durch eine Beeinträchtigung des Energieflusses (-also des Qi) im menschlichen Körper bedingt ist.
Das Ziel muss es somit sein, den Fluss des Qi stets im Gleichgewicht zu halten.
Dieses Ziel (also die Prävention von Krankheiten) wird durch Qigong erreicht. Qigong ist nichts anderes als die Arbeit mit Qi, wobei es hier zahlreiche Variationen gibt. Die wohl bekannteste Form ist das Tai Chi, das sog. Schattenboxen (ihr wisst schon, dass was man immer in Berichten aus China die Menschen morgens in den Parks ausführen sieht). Ziel hierbei ist es, durch harmonische Bewegungen des Körpers und eine wiederum zu den Bewegungen harmonische Atemtechnik (bspw. Einatmen beim Anheben der Extremitäten, Ausatmen beim Senken), den Qi-Fluss anzuregen und Blockaden zu lösen.
2. Stress und Qi
Stress behindert den Qi-Fluss! Warum gerade Tai Chi so effektiv zu sein scheint, bestimmte körperliche und geistige Spannungen zu lösen und Leiden zu mindern oder zu heilen, ist durch seine stressreduzierende Wirkung zu erklären.
Warum reduziert Tai Chi den Stress?
Tai Chi wird ohne Leistungsdruck durchgeführt!
- Die heutige Arbeitswelt ist ein ´heisses Pflaster´: Menschen sind ständig im Terminstress, unter sozialem- (Mobbing) und Leistungsdruck. Bei der Arbeit konzentriert man sich auf seine Tätigkeit und auf die (An-) Forderungen anderer Menschen (besonders in hierarchischen Arbeitsstrukturen), im Tai Chi hingegen konzentriert man sich ganz auf sich selbst: die eigenen Bewegungen, den eigenen Atem, die Empfindungen, den Körper. Man ist lediglich sich selbst verantwortlich. Tai Chi soll harmonisieren: während die Arbeitswelt durch ständiges Sitzen und Arbeiten am PC, den Menschen immer weiter von seinem Körper entfernt, wirken körperliche Übungen (wie im Tai Chi) dieser Entwicklung entgegen.
3. Kampfsport ist auch Qigong!?!
Wer kennt nicht das Gefühl, ausgebrannt -aber zufrieden von einem Training nach Hause zu fahren. Man hat viel Schweiß gelassen und sich richtig ausgepowert. Kampfsport fördert ähnlich wie das ausgewiesene Qigong, die Identifikation mit dem eigenem Körper und damit mit sich selbst. Wer regelmäßig trainiert hat stets einen Ausgleich zu den Belastungen (vor allem den psychischen) des Alltags und arbeitet damit (meist unterbewußt) an der Harmonisierung des eigenen Qi.
Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass eine Reduktion des Trainings sehr negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Durch das nur noch einmalige Trainieren wöchentlich fehlte mir der Ausgleich zum Alltag und die Bestätigung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten, die ich mir über Jahre erarbeitet hatte. Zwar wusste ich, dass meine Fähigkeiten eigentlich nicht abnehmen würden (-und sie taten es auch nicht), aber der Wegfall dieser Bestätigung und dieser Verbundenheit mit dem eigenen Körper hatten ihre emotionalen Wunden hinterlassen. Für mich ist jetzt klar, dass die Ausübung der Kampfkunst sehr wichtig für meine Gesundheit ist, nicht umsonst ist es wichtig, den Weg der Kampfkünste, dem man sich verschrieben hat oder den man liebt, ein ganzes Leben lang zu gehen, denn meist schenkt uns diese innere Zufriedenheit, die wir durch die harmonische Arbeit mit unserem Körper erzielen, unsere Gesundheit!
Ähnlich verhält es sich in Verletzungsphasen: gerade Leistungssportler haben enorme Probleme, mit körperlichen Beeinträchtigungen zurecht zu kommen. Viele werden lethargisch und emotional labil, einige entwickeln ein Burnout-Syndrom, wobei Symptome wie Angst, Depression, Schlafstörungen, o.ä, auftreten. Wichtig in solchen Phasen ist es, dass das soziale Umfeld darauf reagiert: die Familie, der/die PartnerIn, der Trainer, die Freunde, usw.. Eine unterstützende und verstehende Haltung (denn der Wegfall körperlicher Leistungsfähigkeit ist gerade für Viel-Trainierende ein Super-GAU) scheinen besonders hilfreich.
4. Aber zurück zum Qigong...
natürlich gibt es in der chin. Medizin sehr viele Verfahren der Beeinflussung des Qi, die ich hier auch nicht alle erläutern kann (weil ich kein Experte bin). Ein weiterer wichtiger Baustein einer Therapie ist die sog. ´Reflexzonen-Massage´ (die man auch in den Begriff Akupressur einordnen kann).
Bei der bekannteren Akupunktur werden (Meridian-) Punkte, die direkt oder indirekt mit den kranken oder Qifluss-eingeschränkten Regionen des Körpers verbunden sind, mit kleinen Nadeln punktiert. Ziel hierbei ist ebenfalls die Auflösung von Disharmonien des Qi in der jeweiligen Region (-meist einem Organ). Die Akupressur basiert auf dem gleichen Prinzip wie die Akupunktur, nur dass man hierbei nicht mit Nadeln sondern mit den Händen, nämlich durch eine Massage, Einfluss nimmt.
Die Vorstellung bei der Reflexzonenmassage ist, dass z.B. die Hände und Füße jeweils eine Art ´anatomische Karte´ des Körpers darstellen, anhand der man die betroffenen Stellen therapieren kann. Jede Region des Fußes repräsentiert eine bestimmte Region des gesamten Körpers.
Meine Erfahrungen mit der RZM (Reflexzonenmassage) sind sehr gut. Spontan aufgetretene Symptome (Rückenschmerzen, Nervosität, Verspannungen, allgemeine Müdigkeit...) können hiermit gut behandelt werden. Wie bei der Massage wie wir sie kennen, gibt es hier verschiedene Griffformen und Techniken (Drücken, Kneten, Ausstreichen oder den sog. ´Sedierungsgriff´, bei dem die betreffende Zone für 2-3 Min. stark gedrückt und zwischendurch ausgestrichen wird). Möglich ist dies wie gesagt an Händen und Füßen (bei der Akupunktur auch am ganzen Körper, u.a. an den Ohren), wobei der Erfolg einer Behandlung an den Füßen empirisch höher zu sein scheint.
Eine andere interessante Technik ist das Finger-Qigong. Hierbei wird durch kleine -teilweise koordinativ sehr anspruchsvolle- Übungen der Hände und Finger der Energiefluss im Körper positiv beeinflusst; auch hierbei hatte ich schon des Öfteren Aha- Erlebnisse, die mich von der Effektivität überzeugten. Das Finger-Qigong, dass ich kennengelernt habe stammt aus einer ZDF-Broschüre, die auf einer Reportage über einen Meister Wang aus China beruht, der Kinder und ältere Menschen mit Finger-Qigong erfolgreich therapiert.
Meister Wang empfiehlt auch folgenden "Gesundheitstrank": "2 Löffel Essig + 2 Löffel Honig + 150ml Wasser morgens auf nüchternen Magen trinken!"
Ausprobieren!
Ich kann nur jedem raten, verschiedene Qigong-Techniken einmal anhand eines guten Buches zu testen! Auch wenn sich der gewünschte Effekt nicht bei jedem einstellen wird, so ist die aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper einfach ein wichtiges Tool, um mit sich selbst im Gleichgewicht zu bleiben (wie auch einfache Gymnastik). Was mich persönlich "stört" -hey, don´t get me wrong- ist die Tatsache, dass der Erfolg der Übungen sehr stark an ihre regelmäßige Durchführung gebunden ist, und das kostet Überwindung! -Aber es hilft meist sofort!
Ich denke, dass das regelmäßige Training einer Kampfkunst sehr gut vor dem Auftreten von körperlichen und emotionalen Beschwerden schützt (!!!), aber für eine direkte Einflussnahme auf körperliche Beschwerden ohne gleich zum Arzt zu rennen, nämlich indem man sich mit seinem Körper produktiv auseinandersetzt, sind diese Techniken ideal! Zumindest als ergänzende Maßnahme!
Viel Spaß beim Ausprobieren! Und gute Gesundheit!
Februar, 2004 www.karate-online.net Tobias Havers