Ein Abstract zur Selbstverteidigung

"Was tun in einer Selbstverteidigungssituation ?"

Viele Menschen beginnen mit dem Kampfsport um sich selbst verteidigen zu können. Später wandelt sich diese Intention meist in eine Faszination für die ganz besondere Bewegungskultur, die die Kampfkünste anbieten und der Lernende erreicht ein höheres Verständnis der Bewegungen und, ich nenne es hier einmal so: "metaphysischen Zusammenhänge". So erfüllt der Kampfsport zum Einen eine erzieherische Funktion zur Gesundung der Gesellschaft und fungiert ferner als Instrument, kulturhistorische Konzepte bis in die Gegenwart zu erhalten, zum Anderen jedoch hat er die Aufgabe und Pflicht, die Lernenden nicht in einen Schleier der Metaphysik und des übermenschlichen Potentials zu hüllen, sondern ihnen konkrete Konzepte anzubieten, sich zu verteidigen.

Was beinhalten diese Konzepte ?

- Diese "Konzepte", wie ich sie hier nenne, sind nichts weiter als die Synthese aus den kampfsportartspezifischen Techniken UND der damit verknüpften Geisteshaltung, diese Techniken anzuwenden. D.h. der/ die SchülerIn lernt Techniken und (so sollte es zumindest geschehen) verschiedene Anwendungsbeispiele dieser Techniken UND er/ sie bekommt ferner eine mentale Disposition mit auf den Weg, die sich mit diesen Techniken verknüpft. Und genau hier liegt der Schwachpunkt vieler Ausbilder (nicht der Kampfkünste selbst - ich gehe im Folgenden darauf ein); es werden Techniken vermittelt und evtl. Anwendungen präsentiert, oftmals bleibt es aber leider bei der Präsentation der Anwendungen - die Anwendungen jedoch befähigen den Lernenden erst sich in concreto verteidigen zu können !

Was meine ich mit "mentaler Disposition" ?

- Unter einer "mentalen Disposition" meine ich in diesem spezifischen Kontext die innere Repräsentation einer Technik kombiniert mit einem emotionalen Element. Ein Beispiel: der "Shuto" (Schlag mit der dem Daumen gegenüberliegenden Handkante bei geöffneter Hand). Der Shuto sollte nachdem die Ausführung der Technik sauber vollzogen wird in Beispielen angewandt werden, er bietet eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten: kann als Block eingesetzt werden, kann an jedem Teil des Körpers großen Schaden anrichten, kann sofort in einen Griff oder eine Variation seiner ursprünglichen Ausführung münden. Diese Anwendungen sollten in einer auf die Selbstverteidigung (Anmerkung: Und JEDE Kampfkunst hat den Kern der Selbstverteidigung!) ausgerichteten Trainingseinheit durchgeführt werden.

! MERKE: BESSER EINE TECHNIK DIE FUNKTIONIERT ALS 100 TECHNIKEN, DIE ES NICHT TUN!

Nun haben wir jedoch noch nicht den Begriff der mentalen Disposition vollkommen gefasst. Aus der Anwendung einer Technik aus verschiedenen Variationen heraus entsteht beim Übenden ein "Eindruck" (eine mentale Repräsentation), er/ sie weiß in welchem Kontext diese Technik zur Anwendung kommen kann -nämlich fast in jedem ! Und hier liegt der Punkt: Müssen wir uns verteidigen ist es notwendig eine mentale Disposition zu einer (oder einigen) unserer Techniken zu haben: ich (als Lernender) muss mir der Anwendungsmöglichkeiten bewusst sein und des Schadens den diese Technik bewirken kann. Oder auf den Punkt gebracht: Ich muss die Gewissheit haben, dass meine Technik eine KAMPFtechnik ist, dass diese den Gegner vernichten kann ! Fehlt dieser Hintergrund (mentale Disposition) dann ist meine Ausführung nichts weiter als das bloße Ändern der Verhältnisse der Winkel meiner Gelenke zueinander ohne Effekt - wir haben innerlich schon verloren !

Die Situation des Straßenkampfes

Geraten wir in eine Situation mit erhöhtem Konfliktpotential gelten - meiner Meinung nach - folgende Aspekte als konstitutiv:

1. Einschätzen der Gewaltbereitschaft des Aggressors. Fragen können sein: Was will er eigentlich ? Unser Geld ? Unsere "Demut" ? Unser Leben ? Steht er unter Drogeneinfluss ? Zurechenbar oder nicht ?

2. Scannen - mit allen Sinnen die Umgebung wahrnehmen - Fragen: Wieviele Personen sind anwesend ? Bin ich allein ? Hat der Agressor Verstärkung (evtl. potentielle- durch Freunde...) ? Was steht um mich herum ? Kann ich Gegenstände benutzen ? Gibt es eine Möglichkeit schnell Hilfe zu holen ? Habe ich Zeugen ? Welche umstehenden Personen sollte ich sofort ansprechen, mir zu helfen ? Sind (schon) Waffen zu sehen ? Welche Fluchtmöglichkeiten habe ich ?

3. Deeskalation - vielleicht ist er noch weit genug weg und ich kann mit dem Handy schon Hilfe bei der Polizei erbeten (passiert nichts...auch egal ! Vielleicht passiert gerade weil ich dort anrufe nichts !). Oder ich rufe einen/eine Freund/Freundin an und teile ihm/ihr mit wo ich gerade bin und erkläre die Situation - er/sie kann dann notfalls auch die Polizei verständigen, sollte mir der direkte Anruf in dieser "Frühphase" noch zu "peinlich" erscheinen, o.ä. ! Der Agressor ist schon an mir dran ? - Ich lasse mich nicht provozieren, vielleicht hat er einen schlechten Tag gehabt !? Ich bringe meinen Namen irgendwie mit ein, damit werde ich zur Person, bin kein namenloses Opfer mehr ! Meine Hände sind in dieser Phase natürlich nah am Kopf und Oberkörper, bzw. eine Hand als Führhand vorne, die andere deckt Kinn und Oberkörper; die Ellenbogen zeigen nach außen, insgesamt sollte diese "Kampfhaltung" einen beschwichtigenden Ausdruck haben also nicht wie diese aussehene! Ich beschwichtige langsam aber nachdrucksvoll mit meinen Armen, ich möchte ja keinen Ärger (machen)! Sollte er zu nah kommen habe ich die Hände ja nun bereits oben, immer in der Gewissheit sofort zuschlagen zu können bis mein Gegenüber am Boden ist ! Er hat ein Messer und steht dummerweise schon in Reichweite ? Will er nur mein Geld, nicht mein Leben ? Wenn ja, dann gebe ich es ihm (der meiste Teil des Geldes sollte ja eh nicht in meiner Brieftasche stecken !), 40 € weniger in der Tasche oder nie mehr den Sonnenaufgang sehen ? Entscheide selbst !

4. Präventive Aktion - der Feind lässt sich nicht beschwichtigen, unsere Versuche ihn ruhig zu stimmen und seine Provokationen an uns abprallen zu lassen sind fehl geschlagen ? Vielleicht steht er uns mit einer Waffe gegenüber und will uns töten !? Nun hilft nur, ist eine Flucht und Deeskalation nicht mehr möglich, die überraschende "Seek and Destroy"- Option: Sobald sich eine Möglichkeit ergibt, sollten vitale Punkte des Agressors attackiert werden ! Falls möglich sind Gegenstände [s. weiter unten] zu benutzen ! Lass ihn Deine ganze Angst und Deine ganze Kraft am eigenen Leib spüren ! Nun ist es wichtig, den Agressor so schnell wie möglich ausser Gefecht zu setzen, so dass er Dir nicht mehr schaden kann ! Schöne, weit ausgeführte Techniken sind in diesem Fall ineffekiv, was jetzt zählt sind knallharte, direkte Techniken (Kniestöße, Tritte in die Weichteile, Lowkicks auf´s Knie, Fingerstiche, Schläge auf´s Kinn, die Nase und den Hals, etc.). Kommt es zum Bodenkampf, versuche so schnell wie möglich wieder aufzustehen, sind Zweite oder Dritte beteiligt bist Du am Boden verloren ! Heroische Gesten sollten vermieden werden, im Sinne der Humanität sollte man sich auf jeden Fall um sein Gegenüber anschließend kümmern, es sei denn die Situation ist immer noch zu gefährlich um in ihr zu bleiben.

5. Verständige die Polizei und/ oder den Rettungswagen wenn nötig ! Achte nach Verlassen des Tatortes darauf, dass Dir niemand folgt, vielleicht ist es einer seiner Freunde der die Sache komplettieren möchte !?

Zuschlagen - Immobilisieren - Hilfe !

Improvisierte Waffen

Du läufst nicht ständig mit einem Messer durch die Gegend ? Gut so ! Warum auch ?! Die besten Waffen hast Du meist schon bei Dir , wahrscheinlich ohne es zu wissen ! Improvisierte Waffen sind Alltagsgegenstände, die der Selbstverteidigung dienlich sein können - und hierzu zählt so fast alles was man sich denken kann.

Einige Beispiele:

- ein Regenschirm (in den Bauch des Gegners gestoßen, in´s Gesicht geschlagen, zur Messerabwehr, etc.)

- ein Gürtel (Öffnen, Abziehen, Attackieren); in beide Hände genommen zur Messerabwehr, die Gürtelschnalle ins Gesicht geschlagen, etc.

- Kleingeld (bewahre immer ein paar Cents oder Euro in den Hosentaschen auf, nimm sie in die Hand und schleudere sie dem Feind ins Gesicht - oh yeah, that´s gonna hurt, baby ! Schlage anschließend zu wie ein Tiger der seine Beute zerreisst !)

- ein Handy (je größer desto besser ! In der Hand gehalten und gegen den Kopf geschlagen oder -geworfen. Hier geht´s nicht um das teure Handy, hier geht´s um´s Überleben !)

- ein Schlüsselbund (auf´s Schlüsselbein oder an den Hals gestoßen, eigentlich überall schmerzhaft !)

- Flaschen (verschiedene Anwendungsbereiche und -arten)

- leichte Stühle (in den Händen gehalten zur Messer- oder Stockabwehr oder geworfen)

- Schuhe (ziehe die Schuhe aus und schmeiss sie dem Feind ins Gesicht, vielleicht läufst Du sogar anschliessend schneller ohne sie - ich spreche hier vor allem die Ladies unter Euch an !)

- etc., etc., alles was zur Verfügung steht (Aschenbecher, Handtaschen...)

SEI KREATIV ! ES GEHT UM DEIN LEBEN !

 

Risikosituation (RS) vs. Hochrisikosituation (HRS)

Risikosituation

- Die Risikosituation (RS) unterscheidet sich von einer HRS dadurch, dass es hier nicht um Dein Leben geht. Ein Beispiel für eine RS ist die "normale" Rauferei oder Schlägerei in der Kneipe, auf der Straße oder sonst wo. Warum ist diese Unterteilung notwendig ? Die Unterscheidung in RS und HRS ist nicht nur im Militärjargon konstitutiv, auch hat sie in der SV-Thematik ihre Bedeutung. RS und HRS müssen unterschieden werden, da sie völlig verschiedene Geisteshaltungen erfordern. In einer RS möchte sich jemand mit uns anlegen, aus welchen Gründen auch immer: sei es, dass wir ihn "in seiner Ehre verletzt" haben, etwas vielleicht zu anderem Zeitpunkt Richtiges, zu diesem speziellen jedoch völlig Falsches gesagt haben, oder seiner Freundin evtl. etwas zu lange in das verlängerte Decolleté geschaut haben (Anm.: Na, wer macht denn sowas ?). Die Gründe sollen hier sekundär sein (Aber merke: Ein vermiedener Kampf ist ein gewonnener Kampf !), es geht um die Situation. Also, unser Gegenüber möchte es uns "mal eben zeigen" und uns seine Kraft demonstrieren, dazu provoziert er und beginnt vielleicht uns herumzuschuppsen.

Eine solche Situation (RS) ist also durch folgende Konstitutive charakterisiert:

1. Es geht nicht ums "Überleben", da es kein Kampf auf Leben und Tod ist !

2. Eine RS lässt sich u.U. wieder "entschärfen"- Stichwort: Deeskalation !

3. Eine RS hat prinzipiell immer das Potential eine HRS zu werden !

4. Die RS erfordert eine völlig andere Wahl der Mittel als eine HRS !

Zu 1. und 2.

Welche Mittel sind dies ? Wir möchten unser Gegenüber nicht nachhaltig verletzen (wer dies möchte, ist auf diesen Seiten definitiv fehl am Platze !), es geht um eine schnelle Immobilisation ohne schlimmere Verletzungen. Vielleicht war der ganze Disput ein Missverständnis und auf einmal liegt dieser missverstandene Mensch blutüberströmt und mit gebrochenen Rippen vor uns auf dem Boden - toll gemacht, Dein schlechtes Gewissen wird es Dir noch lange danken !

Nein, was hier erforderlich ist, nachdem alle verbalen Mittel ausgereizt sind und sich ein Zusammenstoß nicht mehr vermeiden lässt (!), eine schnelle Aktion auf schwache Körperpartien, die eine Schockreaktion beim Gegner auslöst, die uns die Zeit gibt, wegzulaufen (und ggf. die Polizei zu benachrichtigen).

Zu 3. und 4. Hochrisikosituation (HRS)

Du musst wissen, dass eine RS evtl. in eine HRS umschwenken kann - stelle Dir vor, der Kontrahent zieht auf einmal ein Messer und wartet nicht lange damit, dieses nur zur Schau zu stellen. Er ist gewillt Dich zu verletzen oder gar zu töten. Soweit sollte es natürlich erst gar nicht kommen - schließlich haben wir nicht nur unsere Körperwaffen: Sprache und Körpersprache sind auch Waffen im weitesten Sinne.

Merke: Es gibt auch verbale "Manstopper"!

Was passiert nun wenn eine HRS eingetreten ist ? Wie Du schon richtig vermuten wirst, geht es in einer HRS um Leben und Tod, Dein Leben ist Deinem Feind nichts wert und er will Dich...

Jetzt geht es um alles, handle so präzise, direkt und "effektivitätsoptimiert" wie es Dir in einer solchen Situation möglich ist; benutze Gegenstände, die um Dich herum stehen und liegen. Lasse nichts unversucht, es geht ums Überleben ! Wichtig jedoch auch hier: Du bist immer noch ein Mensch, kein gedankenloses Tier. Auch wenn Du zuschlägst wie ein Tiger, lasse Deine "Beute" lebendig von Dir gehen - Du wirst es Dir danken ! Und Dein Feind Dir insgeheim auch !

Benachrichtige die Polizei und evtl. den Notarzt wenn die Situation vorbei ist ! Und: Bewege Dich in gesetzlichem Rahmen !

Hilfe für andere Menschen

Was ist mit der Ehefrau, die gerade von ihrem Mann geschlagen wird und Du bist Zeuge? Es scheint streng juristisch so zu sein, dass man erst eingreifen darf, wenn die Frau Dritte ausdrücklich darum bittet, ihr zu helfen!?? Greifst Du auf eigene Initiative ein und beginnst den Schläger anzugreifen, dann rechne anschließend nicht mit richterlichem Beistand bei der Gerichtsverhandlung! Ist die Frau jedoch nicht mehr aussagefähig weil sie schon bewusstlos am Boden liegt , o.ä. und der Mann schlägt auf sie ein, dann greife ein, denn das Opfer ist in diesem Moment nicht fähig, Deine Hilfe zu erbitten. Es ist rechtens und Deine Pflicht nun einzuschreiten ! Es klingt alles ein bisschen verwirrend, ich gebe es zu, aber so wurde es mir mitgeteilt. Solidarisiere Dich in Konfliktsituationen generell mit anderen Menschen, sprich Passanten an und weise Ihnen Rollen zu - gemeinsames Handeln ist Stärke !

Ach ja: Ich würde bei der oben beschriebenen Situation übrigens nicht so lange warten, bis meine Hilfe "erbeten" wird, ggf. kommt sonst die Hilfe zu spät!

Wenn Menschen in Gefahr sind, musst Du handeln und helfen! Und nicht nur, weil Du gesetzlich dazu verpflichtet bist...

But don´t forget: Ein vermiedener Kampf ist immer ein gewonnener Kampf !

Für die Anwendung und ggf. individuelle Umsetzung dieser Hinweise zur Selbstverteidigung ist jede Person selbst verantwortlich und wird nach juristischen Maßstäben beurteilt. Eine Verteidigung des eigenen Lebens oder des Lebens Dritter muss stets im Rahmen der Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland erfolgen.

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